Mittwoch, 13. April 2016

Mythen

 

Aus England

Severn Valley

 Das Tal des Severn ist ein Ort an dem sich vier Reiche treffen, das von  (…)

Lokalmythen aus Curdridge

Kitty Nocks

Kitty Nocks (oder Nox) lebte in einem großen, von einem Graben umgebenen Haus auf der Höhe des Knitknock Hill, möglicherweise dort, wo auch das heutige Knitknock-Haus steht. Sie hatte einen Verehrer, der von ihrem Vater abgelehnt wurde, so dass sich die beiden Liebenden heimlich treffen mussten. Eines Tages wurde sie vermisst. Eine Suche wurde organisiert. Schließlich fand man sie – ertrunken im Graben. Es scheint, als hätte sie versucht, zu ihrem Liebhaber zu kommen, um mit ihm durchzubrennen, obwohl es in einer anderen Version der Geschichte heißt, dass sie sich selbst in einem nahegelegenen Teich ertränkt habe, nachdem ihr Liebhaber mit ihr gebrochen hatte.

Erst seit jener Begebenheit wurde der Hügel unter dem Namen Knitnocks Hill bekannt, aber niemand weiß, wann das geschehen ist. Wie auch immer – es heißt, dass seitdem der Geist von Kitty Nocks auf dem Hügel spukt. Immer wieder berichten Anwohner und Besucher von Erscheinungen in der Nähe von Kitnocks Hill, die sie halb zu Tode erschreckten. 

Die Hexe von Curdridge

Im 17. Jahrhundert lebte in der Mill Hill eine ältere Frau, die man als Kate Hunt kannte.

Eines Tages stürzten ein paar gefällte Bäume in ihren Garten, was sie sehr verärgert. Am nächsten Tag fand man die Bäume in der entgegengesetzten Richtung quer über die Straße liegend. Es wird auch erzählt, sie sei auf dem Rücken eines Feldgatters nach Bishop’s Waltham geritten.

Eine andere Geschichte erzählt von einem Dienstmädchen, das regelmäßig zu Pferde Milch und Eier nach Bishop’s Waltham brachte und auf dem Weg Kate Hunt ein Stück Butter lieferte. Die Hexe jedoch kam wiederholt ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nach, so dass das Mädchen angewiesen wurde, sie nicht weiter zu beliefern. Kate Hunt wurde wild und erklärte, dass das Mädchen schneller nach Bishop’s Waltham gelangten würde, denn je zuvor. Das Pferd setzte dann in Galopp über und ließ sich nicht bremsen, bis es zu „Clark’s Shop“ in Bishop’s Waltham kam, wo das verängstigte Mädchen alle Eier zerbrochen und mit der Butter vermischt auffand. 

Es ging ebenfalls der Glaube, dass die Hexe sich selbst in ein Tier verwandeln könnte – meist in einen großen weißen Hasen. Es wurde entschiede, dass Kate Hunt als Hexe nicht erlaubt werden dürfe,zu Leben. Der Hase wurde gestellt und mit einer ner Silberkugel niedergestreckt – die einzige Möglichkeit, eine Hexe zu töten – und Kate Hunt wurde später in ihrem Haus gefunden, wo sie an ihren Wunden gestorben war. 

Es gibt auch eine Geistergeschichte, die mit der Hexe in Verbindung steht. Eine Dame, die zusammen mit Freunden in einer Kutsche nahe dem Ort vorbei kam, an dem Kate Hunt lebte, behauptete eine Frau in einem roten Umhang gesehen zu haben, aber niemand sonst hatte sie gesehen,doch alle waren sich einig, dass ein solcher Umhang ein ungewöhnlicher Anblick sei. Viele Jahre zuvor war es jedoch üblich, dass ältere Frauen solche roten Umhänge trugen.

Aus Deutschland

Die Königin der Nacht

1. Aufzug

Der Prinz Tamino wird von der Königin der Nacht ausgesandt, um ihre Tochter Cassilda zu retten, die von dem gelben König entführt wurde. Ein Flugwesen wird dem Prinzen zur Seite gestellt. Tamino erhält eine Zauberflöte um das Flugwesen zu rufen. Beide brechen auf, um die Tochter zu befreien. 

Das Flugwesen eilt vorraus und sichtet die Tochter in dem Reich des gelben Königs und berichtet ihr, dass der verliebte Prinz zu ihrer Rettung aufgebrochen ist. 

Flugwesen und Tochter wollen fliehen um dem Prinzen  entgegenzueilen. Das gelingt, als Cassilda jedoch auf den Rücken steigt, beobachtet sie dabei der Oberaufseher. 

Derweil erreicht Tamino die Stadt Carcosa, wo er erfährt, dass der König nur gute Absichten verfolgt, was ihm nicht so ohne weiteres einleuchtet („so ist denn alles Heuchelei“)

Der Prinz gerät in die Hände von dem Oberaufseher, der ihn als Gefangenen zum gelben König bringt. Der Oberaufseher wird von dem König bestraft, Der Prinz und das Flugwesen werden in den Prüfungstempel geführt und von der Schönheit getrennt.

 

2. Aufzug

Der König wünscht, dass der Prinz als Priester des Weisheitstempels geweiht wird, und erklärt, dass er, der gelbe König, Cassilda entführt habe, um sie vor der in seinen Augen bösen Königin der Nacht zu bewahren, die auch den Tempel zerstören wolle. Tamino und die Tochter seien füreinander bestimmt. Sie müssten zuvor jedoch drei Prüfungen bestehen. 

Tamino und das Flugwesen unterziehen sich den Prüfungen, das Flugwesen versagt jedoch schon zu Beginn und darf den Prinzen nicht weiter begleiten. Die Tochter darf dagegen weiter ihrem Tamino folgen; mit Hilfe der Zauberflöte bestehen sie die letzten beiden Prüfungen. 

Die Königin der Nacht versucht einen Überfall auf den Tempel, wird dabei jedoch mit ihren Verbündeten vernichtet. 

Tamino und Cassilda werden schließlich durch den gelben König gemeinsam in den Kreis der Eingeweihten aufgenommen.

 

Aus Japan

Die Eroberung von Odawara

Sechs Monate lang belagern die Truppen des Feldherren Toyotomi die Festung Odawara. Die Macht der Hoho-Dynastie scheint gebrochen. In einer Konferenz wird beschlossen das der Fürst Selbstmord begeht, Fūma Kotarō Herz ist gebrochen.

Nacherzählungen aus der „Chronik alter Geschehnisse“ (古事記 – Kojiki)

Izanagi und Izanami

Kobayashi_Izanami_and_izanagi

Izanagi und Izanami bei der Erschaffung der Welt

Am Anfang gab es keine Trennung von Himmel und Erde, alles war eins, eine chaotische Masse in Form eines Eis. Der reine und klare Teil erhob sich zum Himmel, der schwere und festere Teil senkte sich herab und wurde zur Erde. Alles trieb noch auf der Oberfläche des Ur-Ozeans. Da traten die ersten drei Götter in die Welt. Es waren die Gottheiten des Himmels und der schöpferischen Kräfte. Dann folgte die vierte Gottheit in Gestalt eines Schilfrohrschösslings, die Leben aus dem Ur-Ozean keimen ließ. Die fünfte Gottheit errichtete die himmlische Sphäre. Diese ersten Fünf waren die himmlischen Götter.
 
Nach und nach entstanden weitere zwölf Gottheiten. Zuletzt traten die Geschwister Izanagi und Izanami in die Welt. Diese beiden erhielten von den himmlischen Göttern die Aufgabe, die Erschaffung des Festlandes zu beenden. Zu diesem Zwecke überreichten sie ihnen eine mit Juwelen geschmückte himmlische Lanze. Auf einem Regenbogen stehend tauchten sie die Lanze in den Ozean und rührten ihn um. Als sie die Lanze wieder aus dem Wasser heraushoben, tropfte von der Spitze Salz herab, das zu einer Insel gerann. Izanagi und Izanami stiegen aus dem Himmel auf die Insel herab und errichteten darauf einen wunderschönen Palast und einen himmlischen Pfeiler.
 
Hier nun erkannten sie, dass sie von unterschiedlichem Geschlecht waren. Da umkreisten sie den himmlischen Pfeiler, der Mann von links und die Frau von rechts, um so bei ihrem Zusammentreffen den Eheakt zu vollziehen. Izanami war so entzückt, über die Schönheit von Izanagi, dass Worte der Freude entschlüpften. Izanagi war jedoch zornig darüber, dass sie zuerst gesprochen hatte. In diesem Zorn zeugten sie zwei Kinder, die mit Gebrechen behaftet waren.
Sie kehrten beide in den Himmel zurück, um Rat bei den Göttern zu bitten. Diese sagten, dass das Unglück nur deswegen geschehen ist, weil die Frau zuerst gesprochen habe. Daraufhin gingen sie wieder auf die Insel und umkreisten erneut den Pfeiler. Diesmal sprach Izanagi zuerst und bewunderte seine schöne Frau, die seine Bewunderung erwiderte. Sie zeugten viele Nachkommen. Darunter auch Oh-yashima-guni (Japan) und die kleineren Inseln des japanischen Archipels.
 
So entstand das Festland. Als diese Aufgabe abgeschlossen war, zeugten sie zahlreiche Gottheiten. Bei der Geburt des Feuergottes wurde Izanami so schwer verbrannt, dass sie starb und in die Unterwelt einkehrte. Traurig begrub Izanagi seine geliebte Frau auf dem Berg Hiba. Dem Feuergott schlug er seinen Kopf ab, aus dessen Blut und Körper weitere Gottheiten entstanden.
 
Izanagi wollte sich nicht mit dem Tod seiner Frau abfinden und ging er nach Yomi, in das Reich der ewigen Finsternis. Dort bat er seine Frau, wieder in das Reich der Lebenden zurückzukehren. Diese antwortete ihm: „Oh, mein geliebter Mann, du kommst zu spät, denn ich habe schon von den Speisen Yomis gekostet und bin dadurch zu einer der Seinen geworden. Doch will ich mit den Göttern Yomis sprechen. Bis dahin darfst du nicht in mein Antlitz schauen!“ Aber er hielt sich nicht an das Verbot und entzündete eine Fackel. Wie erschrak er da vor dem Angesicht seiner einst so lieblichen Frau. Maden hatten ihren Körper zerfressen und Schlangen von ihr Besitz ergriffen. Da floh er aus Yomi.

Nach seiner Rückkehr aus der Unterwelt reinigte Izanagi sich an einem nahen Fluss von allem Übel, was er in der Unterwelt gesehen und erfahren hatte. Dabei entstanden seine Kinder Amaterasu, „Große erhabene Gottheit, die am Himmel scheint“, beim Waschen seines linken Auges,  Tsukiyomi,  „Mondenzähler“, beim Waschen seines rechten erlauchten Auges und Susanō, „Heftiger schneller ungestümer Mann“, beim Waschen seiner erlauchten Nase.

Izanagi freute sich sehr, dass trotz dem großen Schicksal, was ihm auferlegt wurde er nun drei so prächtige Kinder vor sich stehen hatte. Er löste sein Juwelenband, das seine Haare schmückte und überreichte es Amaterasu, denn ihre Hoheit sollte von nun an das Gefilde des Himmels regieren. Tsukiyomi sollte als Hoheit über das nachtbeherrschte Land regieren und Susanō bekam den Aufrag, als Hoheit über die Meergefilden zu wachen.

Amaterasu und Susanō

Amaterasu und Tsukiyomi waren zufrieden mit ihren Aufgaben, die sie von ihrem erlauchten Vater bekommen hatten. Nur Susanō wurde immer griesgrämiger und führte seine ihm übertragenen Aufgaben nicht aus. Die grünen Berge verdorrten und die Flüsse und Berge begannen auszutrocknen. Da wurde es Izanagi zu viel und er stellte Susanō zur Rede. „Wie kommt es, dass du das dir anvertraute Reich nicht regierst, sondern statt dessen heulst und dich ungebärdig benimmst?“
Susanō antwortete und sprach: „Ich heule, weil ich den Wunsch habe, mich in das Land der verstorbenen Mutter, in das untere entlegene Land zu begeben.“
Da wurde die Große erlauchte Gottheit sehr zornig und rief: „Wenn das so ist, dann sollst du nicht weiterhin in diesem dir anvertrauten Lande wohnen!“ und er verbannten ihn.
Bevor Susanō den Himmel verließ bat er darum noch einmal seine Schwester Amaterasu aufsuchen zu dürfen. Diese aber war misstrauisch gegenüber ihren ungestümen Bruder und empfing ihn mit einem Bogen in der Hand. Susanō versuchte sie zu beschwichtigen. Amaterasu forderte jedoch einen Beweis für seine guten Absichten. Da schlug Susanō ihr vor, einen Eid zu schwören. Als Beweis sollte die Geburt von männlichen Kindern gelten.

Beide sprachen einen göttlichen Eid und tauschten die Insignien ihrer Macht. Amaterasu nahm das Schwert von Susanō und er erhielt ihre Perlenkette. Daraufhin zerbrach sie das Schwert in drei Stücke, kaute es und spuckte es anschließend wieder aus. Aus ihrer Spucke entstanden drei weibliche Göttinnen. Susanō tat das gleiche mit dem Geschmeide. Dabei entstanden fünf männliche Götter. Da er so seine Unschuld bewiesen hatte, durfte er im Himmel bleiben.

Amaterasu verläßt ihre Höhle

Amaterasu verläßt ihre Höhle

Susanō konnte in seinem Triumph seine Ungestürmtheit jedoch nicht bändigen verwüstete die himmlischen Reisfelder und schüttete die Bewässerungsgräben zu. Als Höhepunkt seiner Missetaten häutete er ein Fohlen und ließ es durch das Dach der heiligen Webhalle hinab. Bei diesem Anblick erschreckte sich eines der Mädchen an den Webstühlen so sehr, dass sie starb. Darüber war die Sonnengöttin so erzürnt, dass sie sich in eine himmlische Höhle einschloss. Finsternis senkte sich über den Himmel und die Erde. Niemand konnte Amaterasu bewegen, die Höhle zu verlassen.
Die Götter schmiedeten einen Plan, sie stellten vor ihrer Höhle einen, mit Juwelen geschmückten, Spiegel auf. Dann baten sie die Göttin Ame-no-uzume, auf einem umgekippten Eimer zu tanzen.
Diese geriet dabei so in Ekstase, dass sie alle ihre Kleider von sich warf. Die Götter lachten darüber und klatschten wild in den Händen, so dass der ganze Himmel bebte.
Neugierig schaute Amaterasu aus der Höhle und ihr Blick fiel auf den Spiegel. Dieser leuchtete durch ihre glänzende Schönheit auf und so kehrte das Licht auf die Welt zurück.
Susanō jedoch wurde nun endgültig aus dem Himmel verstoßen.

Yamata no Orochi - Die achtköpfige Schlange

So stieg Susanō vom Himmel herab und schritt fort zur Quelle des Flusses Hi in der Provinz von Idzumo. Zu dieser Zeit hörte er den Klang eines Jammerns an des Flusses Quelle und er ging, um den Klang zu suchen. Er fand einen alten Mann und eine alte Frau. Zwischen ihren saß ein junges Mädchen, das sie liebkosten und um dessentwillen sie lamentiert.
Susanō fragte: „Wer seid Ihr und worüber klagt Ihr?“
Die Antwort war: „Ich bin eine irdische Gottheit. Mein Name ist Ashi-nadzuchi. Der Name meiner Frau ist Te-nadzuchi. Dieses Mädchen ist unsere Tochter und ihr Name ist Kushinada-hime. Der Grund für unsere Klagen ist, dass wir einmal acht Kinder hatten, acht Töchter. Aber sie wurden Jahr für Jahr von der achtköpfigen Schlange verschlungen und nun ist die Zeit gekommen, da sie sich nähert, um dieses Mädchen zu holen. Es gibt keine Möglichkeit, ihr zu entkommen, darum trauern wir.”
Susanō sagte: „Wenn dem so ist, werdet Ihr mir Eure Tochter geben?“
Er antwortete und sagte: „Ich bin einverstanden mit Eurem Wunsch und will sie euch geben.“

Susano erschlägt Yamata no Orochi

Susano erschlägt Yamata no Orochi

So verwandelte Susanō Kushinada-hime augenblicklich in einen vielzahnigen Kamm, den er in seinen Haarknoten steckte. Dann brachte er Ashi-nadzuchi and Te-nadzuchi dazu, achtfach gebrannten Sake zu brauen und acht Regale zu machen, auf jedes derer ein Fass gefüllt mit Reiswein gesetzt wurde und so wurde die Ankunft der Schlange erwartet.
Als die Zeit gekommen war, erschien diese. Sie hatte acht Köpfe und einen achtfach gegabelten Schwanz, ihre Augen waren rot wie die Winterkirsche und auf ihrem Rücken wuchsen Fören und Zypressen. Als sie dahinkroch, füllte sie den Raum von acht Bergen und acht Tälern. Nun, da sie kam und den Reiswein fand, trank jeder Kopf eines der Fässer leer und sie wurde betrunkenen und schlief ein. Da zog Susanō sein mächtiges Schwert und schnitt die Schlange in kleine Stücke. Als er an den Schwanz kam, schlug er eine Kerbe in das Schwert, darum spaltete der den Schwanz und untersuchte ihn. In seinem Innern war ein Schwert. Dies ist das Schwert, das “ Kusanagi no Tsurugi“ genannt wird. Dieses schenke er zur Versöhnung seiner Schwester Amaterasu. 

Mit seiner jungen Braut Kushinada-hime zeugte er viele Götter, der Flüsse, des Getreides, der Bäume und des Donners und vollführte viele gute Taten in der Provinz Izumo.

Tenson-Korin - Das Herabsteigen des Enkels

Eines Tages schickte die Sonnengöttin Amaterasu ihren Enkel Ninigi herab, der die Erde regieren sollte. Sie gab ihm Reisrispen mit, damit er auf der Erde Reis anbauen und den himmlischen Göttern opfern könne. Außerdem übergab sie ihm den Spiegel, mit dem sie aus der Höhle gelockt worden war, Geschmeide und das Schwert Kusanagi, dass ihr Susanō geschenkt hatte. Er musste ihr versprechen, den Spiegel als ihre Seele zu betrachten und ihn stets zu verehren.

Ninigi betrat die Erde auf dem Gipfel des Berges Takachiho. Dort angekommen bot ihm der Berggott seine zwei Töchter an. Er konnte zwischen der hässlichen Iwanaga-hime („Unwandelbarer Felsen“) und der vollendeten Schönheit Konohana-sakuya-hime („Blütenpracht“) wählen. Er ließ sich von der Schönheit blenden und nahm Konohana-sakuya-hime zu seiner Frau. Doch seine Entscheidung erwies sich als falsch. Denn er hätte beide wählen müssen, um ein dauerhaftes wie auch ein Leben in Schönheit führen zu können. Seine einseitige Entscheidung führte dazu, dass fortan alle Kaiser nur relativ kurz leben würden.

Bald schon gebahr Konohana-sakuya ihm drei Kinder. Unter diesen war der Fischer Umisachi-hiko und der Jäger Yamasachi-hiko. Eines Tages kam es ihnen in den Sinn, die Rollen zu tauschen. Aber Yamasachi war so ungeschickt mit dem Angelhaken, dass er ihn ins Meer fallen ließ. Yamasachi zerschlug daraufhin sein Schwert, machte daraus eintausend Angelhaken und gab diese seinem Bruder. Doch dieser bestand auf die Rückgabe seines eigenen Hakens.
Daraufhin begab sich Yamasachi zu dem Meeresgott, um ihn um Hilfe zu bitten. Dessen Tochter Totyotami verliebte sich sofort in ihn. Dem Meeresgott gefiel Yamasachi und so gab er ihm seine Tochter zur Frau. Den verlorenen Angelhaken fanden sie in einem Fisch, der ihn verschluckt hatte. Mit diesem kehrte Yamasachi zu seinem Bruder zurück, doch dieser konnte ihm immer noch nicht verzeihen. Da zwang Yamasachi ihn mit Hilfe eines magischen Edelsteins, ihm fortan stets zu dienen.

Totyotami erzählte ihm bald darauf, dass sie von ihm schwanger wäre. Doch könne er nicht bei der Geburt dabei sein, da sie sich dann in ihre ursprüngliche Gestalt verwandeln würde. Yamasachi machte diese geheimnisvolle Andeutung neugierig und so beobachtete er sie heimlich bei der Geburt. Während sie einem Knaben das Leben schenkte, verwandelte sie sich in ein riesiges Krokodil. Voller Scham bemerkte sie, dass ihr Mann sie beobachtete hatte, und floh ins Meer zurück.
Yamasachi heiratete daraufhin seine Tante, mit der er viele Kinder zeugte. Darunter war auch Jimmu, der legendäre erste Kaiser Japans.

Japanische Märchen

Fukifue numa - Die Flöte im See

Vor vielen Jahren reiste einmal ein junger Samurai aus dem Hoheitsgebiet Dewa, das liegt heute in der Präfektur Yamagata, im Auftrag seines Gebieters mit einem Brief nach der Stadt Shimizu. Er schritt rüstig aus und ließ sich nirgendswo aufhalten. Er war bereits einige Tage unterwegs, und da er ein guter Wanderer war, kam er rasch seinem Ziel näher. Er war nur noch wenige Stunden von der Stadt entfernt, als er an eine liebliche Wasserlandschaft am Mogami-Fluß kam. Der Strom hat an dieser Stelle Seitenarme, die sich zu Seen und Mooren ausweiten. Der junge Mann beschloß, hier ein wenig zu rasten. Er zog seinen Imbiß hervor, und als er sich gesättigt hatte, holte er seine Flöte aus dem Gürtel und ergötzte sich für eine Weile mit zarten Melodien. Er glaubte sich ganz allein, nur mit den Wasservögeln als Gesellschaftern. Einige alte Weidenbäume standen in der Nähe und ließen ihre biegsamen langen Zweige wie hellgrüne Schleier auf das Wasser hängen.
Bald hatte der Samurai sich ausgeruht, er steckte seine Flöte weg und wollte aufstehen, um weiterzugehen. Und wie er hochblickte, stand dicht vor ihm ein schönes Mädchen. Ganz leise mußte es gekommen sein, es lächelte zart und sprach: „Lieber Herr, spielt doch noch ein wenig weiter, es ist gar zu schön!“

Der Mann war erschrocken, er konnte sich nicht erklären, was ein junges Mädchen so allein in dieser Wildnis zu tun hatte.

„Ja, woher kommst du denn? Was machst du in dieser Einsamkeit?“

„Ich wohne hier ganz in der Nähe. Ich erging mich in meinem Garten, und dabei habe ich Euer liebliches Musizieren gehört. Ich bitte Euch, spielt doch noch ein wenig für mich!“

Der junge Mann betrachtete die Erscheinung jetzt genauer. Es war ein schlankes, zartes Mädchen mit feiner, weißer Haut und langen fließenden Haaren. Aber es fiel ihm auf, daß es fast rote Augen hatte. Und dann erschrak er gewaltig: Das Mädchen stand nicht auf dem Ufer, er stand im, oder vielmehr, es stand auf dem Wasser! Es konnte kein Menschenkind sein!

Er wich zurück und wollte so schnell wie möglich den unheimlich gewordenen Ort verlassen. Das Mädchen aber bat ihn weiter: „Spielt doch bitte noch einmal für mich, selten habe ich solch zarte Melodien gehört.“

Der Ritter wehrte sich und sprach: „Ich reise im Auftrag meines Herrn, und ich habe schon viel zu lange hier gerastet, nun muß ich mich beeilen. Ich kann jetzt nicht mehr für dich spielen.“

Das Wesen faßte ihn sanft am Ärmel und antwortete: „So geht denn, Herr, aber wollt Ihr mir versprechen, auf Eurer Rückreise wieder hier vorbeizukommen und mich noch einmal mit Eurer Flöte zu erfreuen?“

Der junge Mann versprach hastig, um was er gebeten wurde, er hätte jedes Ding versprochen, nur um von hier wegkommen zu können. „So warte ich denn auf Euch, und Herr Ritter, enttäuscht mich nicht!“

Mit diesen Worten drehte sich das Mädchen um, und bald war es lautlos zwischen den Schleiern der Weidenbäume verschwunden. Der Samurai atmete auf und verließ eilig das einsame Ufer. Er schritt kräftig aus und hatte bald die Stadt Shimizu erreicht. Er erledigte seinen Auftrag, und bereits am nächsten Morgen konnte er den Heimweg antreten. Und er wollte das Versprechen, das er dem fremden Mädchen gegeben hatte, nicht halten. Aus diesem Grund wählte er für die Heimreise einen anderen Weg, einen, der die Seenlandschaft umgehen sollte. Mit mehreren Reisenden mietete er ein Boot, um den Mogami-Fluß eine Strecke hinabzufahren, und erst dann, wenn er die unheimliche Gegend hinter sich gebracht hatte, wollte er zu Fuß weitergehen. Er hielt das Mädchen für einen Wassergeist, wie er in den Sümpfen und Seen haust, und der sich sicherlich nicht aus seinem eigenen Gebiet heraus bis in den Fluß wagen würde. Und er war nicht allein, er hatte ein ganzes Boot voll Reisegefährten. Der Geist würde sich nicht zeigen wollen.

Das Boot machte gute Fahrt, der Schiffer strengte sich an, und unter den Reisenden herrschte heitere Stimmung. Das Wetter war klar, und da es noch früher Morgen war, lag über dem Wasser eine erfrischende Kühle. Es versprach, eine angenehme und kurzweilige Reise zu werden.

Die Leute im Boot unterhielten sich, und unter all den Gesprächen merkte keiner, daß das Schifflein immer langsamer wurde. Der Schiffer gab sich gewaltig Mühe, aber endlich wollte sich das Boot überhaupt nicht mehr bewegen, es trieb ganz ruhig auf dem Wasser, immer an der selben Stelle. Das fiel den Reisegenossen denn doch auf, und einer rief: „He, Bootsmann, warum bleibt Ihr stehen! Macht, daß wir weiterkommen, wir sind eilige Leute!“

Der Angeredete wischte sich den Schweiß von der Stirn und meinte sorgenvoll: „Liebe Fahrgäste, ich kann mich noch so anstrengen, unser Boot ist wie festgehalten.“

„Wir müssen aber weiter, wir können doch nicht hier auf dem Wasser bleiben!“

Wieder setzte der Schiffer seine Kraft ein, das Boot aber ließ sich nicht fortbringen. Die Insassen wurden allmählich unruhig, einer schaute den anderen an, aber keiner wußte Rat. Das Fahrzeug hing bewegungslos mitten auf dem Fluß, und das Wasser schien unheimlich zu rauschen.

Da sprach der Bootsführer: „Es kann sein, daß die Wassergeister einen Tribut von uns wollen. Ich bitte Euch nun, daß jeder das Beste und Kostbarste, das er bei sich hat, ins Wasser wirft. Vielleicht erlauben uns dann die Bewohner der Tiefe die Weiterfahrt.“ Er entledigte sich sogleich seiner schönen, gestickten Jacke und warf sie in den Fluß. Sie sank sofort. Jeder wühlte in seinem Bündel. Der Priester, der mitreiste, opferte eine wertvolle Schriftrolle, der Bauersmann einen Sack mit Bohnen, der Händler öffnete seufzend seine Geldtasche und trennte sich von einem Goldstück, ein junges Mädchen zog die Schmucknadel aus Schildpatt aus seinem Haar und ließ sie ins Wasser gleiten, und eine Sängerin ihr Shamisen. Jede Gabe sank sogleich hinunter in die dunkle Flut. Nun war die Reihe an den jungen Samurai gekommen, er zögerte kurz, dann zog er seine geliebte Flöte aus dem Gürtel hervor. Nachdenklich warf er sie in den Fluß, und sie sank nicht unter wie die anderen Tribute. Im Gegenteil, sie stellte sich sogar senkrecht auf, stand eine Weile still, dann begann sie, um das Boot Kreise zu ziehen. Entsetzt wichen die Reisegefährten von dem Ritter zurück und drückten sich bleich in einer Ecke des Bootes zusammen: Der Samurai war es, ihm wollten die Wassergeister die Weiterfahrt nicht erlauben! Der junge Mann wußte in seinem Herzen, warum er nicht ziehen durfte: Er hatte dem Wasserwesen, dem Mädchen am See, versprochen, auf der Rückreise für es auf der Flöte zu spielen, und er hatte sein Versprechen nicht halten wollen. Nun war das Mädchen gekommen, um ihn zu strafen. Seine Macht reichte bis in den Fluß hinaus, er schaute auf, ja, da drüben lag die Seenlandschaft, er konnte die alten Weidenbäume mit den zartgrünen Schleiern gut erkennen.

In der Zwischenzeit hatte sich der Schiffer vom ersten Schrecken erholt, er ermannte sich und sagte: „Herr, Ihr seht, daß die Wassergeister etwas mit Euch zu schaffen haben. Ihr werdet am besten wissen, was ihr Anliegen ist. Ich muß Euch bitten, unser Boot zu verlassen, sonst kommen wir nie ans Ufer zurück.“

Der Samurai nickte kurz, trat auf den Rand des Bootes und sprang ins Wasser. Die Reisegefährten schrien auf, zuerst aus Schreck, dann aber aus Verwunderung: Der junge Mann sank nämlich nicht in die Tiefe, nein, das Wasser spielte ihm gerade bis über die Füße. Er stand auf dem Fluß. Wortlos drehte er sich um und rannte auf dem Wasser in Richtung der Sümpfe und Seen. Dort verschwand er bald zwischen den Weidenschleiern und Wassergewächsen. Und seine Flöte glitt hinter ihm her! Als er nicht mehr zu sehen war, fing das Boot auf einmal an, sich wieder zu bewegen. Der Bann hatte sich gelöst, und mit Leichtigkeit konnte der Schiffer das Fahrzeug zu seiner Bestimmung lenken.

Der junge Samurai blieb verschwunden. Seine Gefährten im Boot waren die allerletzten gewesen, die ihn gesehen hatten. Dann bekam ihn niemand mehr zu Gesicht.

In den Sümpfen und Seen des Mogami-Flusses hört man seit diesem Begebnis oft wunderzarte Flötenmusik. Besonders in hellen Mondnächten im Herbst, wenn weiße Nebel über den Wassern liegen, steigen die feingesponnenen Töne geheimnisvoll zum Nachthimmel empor.

Taketori Monogatari - Die Geschichte vom Bambussammler

Es leben einmal ein alter Mann und seine Frau allein in der Nähe eines Bambushain. Jeden Tag ging der Alte in den Hain um Bambus zu hauen, denn daraus fertigten er und seine Frau schöne Körbe und andere nützliche Dinge, die sie verkaufen und womit sie ihren Lebensunterhalt bestritten.
Eines Tages nun, als der Alte den Hain betrat, sah er schon von Ferne einen besonders schönen großen Bambus, der wie von innen heraus strahlte, von so viel Schönheit ergriffen, schnitt der Mann den Bambus vorsichtig ab und was war er erstaunt, als er im Inneren des Bambus ein wunderschönes Kind, ein Mädchen sitzen sah.
Er nahm das kleine Mädchen auf den Arm und eilte zu seiner Frau nach Hause: „Guck mal, was ich im Bambushain gefunden habe“ und so erzählte er wie er das kleine Mädchen in dem leuchtenden Bambus entdeckt hatte. Das Mädchen war so schön und die beiden Alten so glücklich nun am Ende ihres Lebtages doch noch ein Kind
bekommen zu haben, das sie es bei sich behielten und „Bambusprinzessin“ nannten.

Jeder Tag war von da an eine Freude für die Beiden, denn wenn sie ihre liebliche schöne Tochter ansahen, viel alle Mühsal und Plage von ihnen ab und sie erfreuten sich ihres Lebens. Auch fand der alte Bambusschnitter immer öfter Goldstücke in dem Bambus, so dass er für sich und seine kleine Familie ein schöneres Haus bauen konnte.
Das Mädchen wuchs zu einer Schönheit heran und bald kamen die ersten Freier, um um ihre Hand zu bitten. Der Alte jedoch wollte das Mädchen noch nicht verheiraten, denn es war noch viel zu jung.
Zum Schluss blieben fünf Freier über, die trotz Wind und Wetter jeden Tag am Haus der Bambusprinzessin erschienen.

Das Mädchen verspürte aber auch noch keine Lust zu heiraten und erbat sich von ihrem Ziehvater den Männern Aufgaben stellen zu dürfen und der jenige von ihnen, der seine Aufgabe erfüllte, den würde sie heiraten.
Die Prinzessin nannte fünf schwer zu finden Raritäten, die die Männer für sie suchen sollten. Der Erste sollte ihr den Steinpokal des Buddha, der in Indien zu finden war besorgen. Der Zweite sollte ihr den Goldbaum mit Früchten aus Edelsteinen bringen. Der Dritte sollte ihr den Pelz der Sonnenmaus aus China besorgen, von dem Vierten wollte sie den fünffarbigen Edelstein, den er am Halse eines Drachen finden würde und der Fünfte zu guter Letzt sollte ihr aus einem Schwalbennest eine Kaurischnecke bringen. Von all diesen Dingen hatte noch nie
jemand gehört und die Fünf machten sich leicht entmutigt, aber gewillt die Dinge auf die eine oder andere Weise herbeizuschaffen auf ihren Weg.

Als Erster kehrt der junge Mann mit dem steinernen Pokal zurück, aber er hatte nicht die lang beschwerlich Reise ins ferne Indien unternommen um an den Pokal zu gelangen, sondern aus einem Schrein in der Nähe von Kyoto den Pokal entwendet. Die Prinzessin erkannte den Betrug und konnte leichten Herzens den Bewerber ablehnen.
Der Zweite Bewerber hatte genug Geld, um erst gar nicht auf eine beschwerliche Reise gehen zu müssen und ließ von einem Juwelier einen Goldbaum mit Edelsteinen anfertigen, diesen präsentierte er sodann der Bambusprinzessin als den legendären Goldbaum. Oh, was war sie verzweifelt, sah es doch so aus, als ob sie den jungen Mann nun heiraten müsste, aber da kam ihr der Zufall zur Hilfe. Wie sie noch hin und her überlegte, auf welche Weise sie den Jüngling abweisen könnte, erschien der besagte Juwelier und wollte seine Rechnung bezahlt haben, so dass der Schwindel herauskam und die Prinzessin auch den zweiten Kandidaten ihrer Freier abweisen konnte.
Der Dritte heiratswillige hatte mit viel Geld einen Händler beau䂨ragt ihm aus China einen Pelz der Sonnenmaus mitzubringen. Er bekam auch einen wunderschönen Pelz, den er der Prinzessin präsentierte. Wieder griff das Mädchen zu einer List, denn sie behauptete, dass das Fell der Sonnenmaus nicht brennen könnte und so warfen sie es ins Feuer, aber zur Scharm und zum Ärger des jungen Mannes verbrannte das wunderschöne Fell und die Prinzessin lehnte auch diesen Freier ab.
Der Vierte sollte, wie berichtet den fünffarbigen Edelstein vom Hals eines Drachen holen. Er war nicht so reich wie die anderen und machte sich selber auf den Weg den Drachen zu suchen. Seine Reise führte ihn in gefährliche und abenteuerliche Gegenden und er konnte mehrmals nur mit knapper Not dem Tode entkommen. Seine Reise wurde so schlimm, das er völlig entkräftet nach Hause zurückkam und über alle Abenteuer den Grund für seine Reise und die Prinzessin vergessen hatte.
Nun blieb nur noch der fünfte junge Mann über. Er suchte sämtliche Schwalbennester ab, derer er habhaft werden konnte und schließlich fand er ein Gebilde, was wie ein Kaurischnecke aussah. Hoch erfreut überbrachte er den Gegenstand der Prinzessin. Doch wie peinlich war es ihm, das es sich bei näherem betrachten um getrockneten Schwalbenkot handelte. Zerknirscht verließ auch der fünfte Heiratsanwärter die Prinzessin. Diese war über glücklich, musste sie jetzt doch nicht heiraten.

Von all dem erfuhr der hoch wohl geborene Kaiser und er wollte nun selber dies wunderschöne junge Frau sehen.
Er besuchte das Haus des alten Bambusschnitters und sah im Garten die Bambusprinzessin. Sofort war er eingefangen von ihrer Schönheit und bat sie mit ihm in seinen Palast zu kommen. Der Prinzessin war bewusst, dass sie dem Kaiser nichts vormachen konnte und erzählte ihm die Wahrheit: Sie konnte auf der Erde niemanden heiraten, weil sie nicht von dieser Welt war, sondern ein Kind des Mondes und dass sie nur für begrenzte Zeit auf der Erde sein würde.
Traurig ging der Kaiser zurück in seinen Palast, aber vergessen konnte er das wunderschöne Mädchen nicht.
Es wurde Sommer und das Mädchen wurde immer stiller und trauriger, auf die Fragen ihrer Zieheltern mochte sie nicht antworten, was diese um so mehr bedrückte.
Nun schließlich im August einen Tag vor Vollmond saß das Mädchen wieder traurig im Garten und guckte weinend zum Mond empor. Da wurde es den beiden Alten zu viel und sie redeten solange auf ihre geliebte Bambusprinzessin ein, bis sie ihnen den Grund für ihre Traurigkeit nannte: „ Wie ihr sicher schon die ganzen Jahre geahnt habt, bin ich nicht von dieser Welt, ich stamme vom Mond und in diesem Monat wenn sich der Mond ganz rundet muss ich zurückkehren. Morgen beim Vollmondlicht werden die Mondleute kommen und mich holen. Ich war sehr glücklich bei euch, aber ich muss jetzt lebe wohl sagen, wenn ich auch lieber bei euch bleiben würde.“

Hart trafen die Worte die beiden Alten und sie kamen zu dem Schluss den Kaiser um Hilfe zu bitten, so dass seine Krieger die Bambusprinzessin beschützen würden und ihr geliebtes Mädchen nicht von ihnen genommen werden würde.
Der Kaiser willigte sofort ein, hatte er das Bild des schönen Mädchen doch noch immer im Herzen. Die Krieger des Kaisers umringten das Haus des Alten Bambusschnitters, und sogar auf dem Dach saßen sie um zu verhindern, das die Mondnymphen die Prinzessin zu sich holten. Aber es half nichts. Kaum erschienen die Mondnymphen, strahlten sie ein solche Helligkeit aus, dass die Krieger geblendet und überwältigt von dem Anblick ihre Waffen nicht benutzen konnten.
Auch die Bambusprinzessin konnte sich der Magie der Mondnymphen nicht wiedersetzen und verließ das Haus. Ein letztes Mal sprach sie zu den beiden Alten, die die ganzen Jahre hindurch so gute Eltern für sie waren: „Ich muss jetzt gehen, aber ich werde eure Liebe zu mir nie vergessen, ihr wart immer gut zu mir und es soll auch in Zukunft kein
Mangel bei euch herrschen.“
Kaum hatte sie ihren Satz beendet, da warf einer der Nymphen einen Mondkimono aus strahlenden Licht über Sie und von da an konnte die Bambusprinzessin sich an ihr Leben auf Erden nicht mehr erinnern und ging freudig mit ihren Mondbrüdern und Schwestern mit.
Die Alten blieben alleine auf der Erde zurück, aber das Versprechen der Bambusprinzessin sollte sich erfüllen, denn immer wenn der Alte im Hain Bambus schnitt, dann fand er Edelsteine, Brokat und andere wertvolle Dinge, die er verkaufen konnte und sie litten keine Not bis an ihr Lebensende.

Yuki Onna - Die Schneefrau

Es waren einmal zwei Holzhauer: der eine hieß Nishikaze, dieser war ein älterer Mann, während der andere Teramichi hieß und noch ein Jüngling war. Beide wohnten im gleichen Dorfe und gingen jeden Tag zusammen in den Wald um Holz zu schlagen. Um in den Wald zu gelangen, mussten sie einen großen Fluss passieren, über den eine Fähre eingerichtet war. Als sie eines Tages spät mit ihrer Arbeit fertig waren, wurden sie von einem furchtbaren Schneesturm überrascht; sie eilten zur Fähre, mussten aber zu ihrem großen Schrecken sehen, dass der Fährmann soeben übergesetzt war und sich auf der anderen Seite des reißenden Flusses befand, von der er des rasenden Sturmes wegen vorläufig nicht zurück konnte. Da die beiden im Freien das Ende des Sturmes nicht abwarten konnten, beschlossen sie in das nahebei befindliche Haus des Fährmanns zu gehen und dort dessen Rückkehr abzuwarten. Gesagt, getan! Im Hause angekommen, warfen sie sich zur Erde, nachdem sie Tür und Fenster wohl verwahrt hatten und lauschten dem Tosen des Sturmes. Der ältere, ermüdet von des Tages Last und Arbeit, war bald in Schlaf verfallen; aber der Jüngere konnte kein Auge schließen, denn das Heulen, Brausen, Rauschen und Krachen war unheimlich und das Häuschen erzitterte in allen Fugen.

Plötzlich gab es einen fürchterlichen Schlag, als wollte der Sturm das Haus zertrümmern, die Tür sprang auf und ein eisiger Wind mit einer riesigen Schneewolke drang herein. Entsetzt starrte Teramichi auf die Wolke, denn diese bewegte sich auf und ab und nahm endlich menschliche Gestalt an, die Gestalt einer Frau in weißem Gewande und wandte sich zu der Stelle, wo Nishikaze schlief; dort beugte sie sich zu dem Schläfer nieder, ihrem Munde entströmte ein weißer Nebel, der sich auf das Gesicht des Mannes ausbreitete, dann richtete sie sich auf und kam auf Teramichi zu, der, unfähig ein Glied zu rühren, die Augen angstvoll weit geöffnet hielt. Dicht vor ihm angekommen neigte sie sich nahe auf sein Gesicht und sah ihn ein Weilchen ruhig an; dann sprach sie leise, ihre Stimme war wie ein Hauch und ihr Gesicht nahm freundlichere Züge an: „Deinen Kameraden habe ich getötet, wie alles, das in meinen Bereich kommt. Auch du solltest sein Los teilen, doch bist du noch kein Mann und hast noch nicht gelebt. Drum sei verschont! Doch diese Schonung wird dir nur so lange Zeit, als du schweigen kannst. Kommt auch nur ein Wort von dem über deine Lippen, was du hier erlebtest, sei es zu wem es wolle, nicht Vater, nicht Mutter, nicht Weib noch Kind, niemand, hörst du, niemand darf erfahren, was hier geschah, so treffe ich dich, wo es auch sei! Denke daran!“

Nach diesen Worten schwebte sie langsam empor und verschwand durch die Tür.

Jetzt wich der Bann von dem jungen Manne, er sprang auf, eilte zur Tür und verschloß sie fest. Dann wandte er sich zu seinem Kameraden und rief ihn an; doch dieser rührte sich nicht, er war steif und starr, er war tot, sein Gesicht verklärte ein glückliches Lächeln. Endlich ließ der Sturm nach und der Morgen brach an und der Fährmann, der nun zurückkehrte, fand beide Männer in seinem Häuschen und hielt sie für tot, für erfroren; doch als er sie aufhob, tat Teramichi einen tiefen Seufzer, schlug die Augen auf und kam bald wieder zu sich, während Nishikaze tot blieb und begraben wurde.

Der junge Mann aber ging wieder seinem Berufe nach und wanderte tagtäglich in den Wald, erzählte niemand sein Abenteuer, das er mit der Schneefrau, denn eine solche war es, wie ihm zur Gewissheit wurde, hatte. So gingen zwei Jahre dahin.

Als er eines Abends nach vollbrachtem Tagewerk wieder heimwärts wanderte, begegnete ihm ein junges hübsches Mädchen, das ihm so gefiel, dass er sich in ein Gespräch einließ. Das Mädchen erzählte ihm, dass es Waise sei und zu entfernt wohnenden Verwandten wandern wolle, wo es hoffe aufgenommen zu werden.

Als das Paar nahe dem Dorfe war, in dem Teramichi wohnte, sprach dieser zu dem Mädchen: „Es ist jetzt Abend und kalt und die Wege sind unsicher; komm mit in meine armselige Hütte und nimm teil an dem bescheidenen Mahle, das meine Mutter bereitet hat! Ruhe dich dann aus und so du willst, kannst du morgen früh deine Wanderung fortsetzen!“

Das Mädchen, das sich „Yuki“ nannte, nahm dies Anerbieten an und begleitete den jungen Mann in sein Haus, wo die Mutter ihm eine freundliche Aufnahme bereitete. Als es sich ausgeruht hatte und am andern Morgen sich wieder auf den Weg machen wollte, bat die Mutter, es möge doch noch einige Tage bleiben und wenn es niemand in der Welt habe, der es erwarte, so möge es bleiben, so lang es wolle und ihr etwas zur Hand gehen, da sie selbst schon alt sei und sich schon längst eine Stütze im Hause gewünscht habe. Da auch Teramichi, der zu dem Mädchen in heißer Liebe entbrannt war, sich den Bitten seiner Mutter anschloß, so schlug es ein und blieb im Hause.

Wie es nun so geht, wenn ein Mann einem Mädchen mit reiner Liebe zugetan, dass das Mädchen schließlich auch Liebe empfindet, so war es auch hier und es dauerte nicht lange Zeit, so hatten sich beide ihre Liebe erklärt und Teramichi und Yuki wurden ein Paar.

Yuki war stets eine brave Frau und verehrte ihre Schwiegermutter in kindlicher Liebe bis diese starb; dann widmete sie sich nur ihrem Manne und ihren Kindern, von denen sie im Laufe der Jahre ihrem Gatten zehn geschenkt hatte. Die Kinder blühten und gediehen und wuchsen heran; keine Krankheit, kein Unglück störte den Frieden und das Glück dieser Ehe, die jedermann als die beste im ganzen Lande pries.

Als ganz besonderes Wunder aber wurde erwähnt, dass Yuki immer jung aussah, immer blühend und in voller Kraft war und man keinerlei Spuren des Alterns bei ihr wahrnehmen konnte. So vergingen die Jahre, als eines Abends im Winter, als das Paar im traulichen Zwiegespräch beisammensaß, wieder einmal ein furchtbarer Schneesturm losbrach. Der Mann erschauerte, indem er seines Erlebnisses in der Hütte des Fährmannes gedachte und sinnend betrachtete er seine Frau, die ihm schöner als je erschien und plötzlich glaubte er in ihrem Gesicht eine Ähnlichkeit mit der Schneefrau zu entdecken, die ihm damals vor vielen Jahren das Leben schenkte. Diese Ähnlichkeit trat immer deutlicher hervor, so dass er den Ausruf nicht zurückhalten konnte: „Nein, du bist schöner!“

Yuki wurde aufmerksam und fragte, was diese Worte bedeuten sollten; ohne zu zögern, halb im Traum, erzählte er ihr nun sein Abenteuer, das er mit der Schneefrau hatte und schloß seine Erzählung mit den Worten: „Sie war schön, aber geisterhaft schön; du aber bist menschlich, natürlich schön!“

Da erhob sich Yuki und erschreckt sah der Mann, wie sie größer und größer wurde, wie ihr Gesicht sich verklärte, die Kleidung sich in lichtes Weiss verwandelte und sie endlich so vor ihm stand, wie damals die Schneefrau. Er stürzte zu Boden, streckte die Arme aus und rief: „Ja du bist es doch, verzeih, verzeih!“

Sie aber schüttelte das Haupt und herrschte ihn an:

„Ja ich bin es! Konntest du den Mund nicht halten, nachdem du solange geschwiegen hast? Ich könnte dich jetzt töten; ein Hauch aus meinem Munde würde deine Glieder erstarren lassen, das wäre die gerechte Strafe, dass du nicht nur dein, sondern auch mein Glück zerstört hast! Denn sieh!“ – hier nahm ihre Stimme einen milden Klang an – „als ich dich damals in jener Hütte als blühenden hübschen Jüngling so hilflos vor mir sah, da tatest du mir leid, aber nicht nur leid; ich fühlte den Wunsch in mir, auch einmal Menschenglück zu genießen, anstatt stets zu zerstören. Ja, ich liebte dich und nahte mich dir in menschlicher Gestalt, ich genoss an deiner Seite Jahre ungetrübten Glücks. Jetzt hast du es selbst zerstört und ich muss zurück in mein kaltes Reich und du? – Ich gedenke des Glücks, das ich genossen und der armen dort ruhenden Kinder, denen ich neben der Mutter nicht auch den Vater rauben will. Mögest du drum leben; bleibe den Kindern ein guter Vater und suche dadurch dein heutiges Unrecht zu sühnen!“

Damit drückte sie ihm einen Kuss auf die Stirne, der, obgleich eiskalt, wie Feuer brannte; die Tür sprang auf, ein wirbelnder Schneeschauer durchtobte das Haus und entführte Yuki-onna, den Mann einsam zurücklassend.

Von diesem Tage an blieb er, der sonst stets heiter und guter Dinge war, ernst und kein fröhliches Wort kam mehr über seine Lippen; er lebte nur seinen Kindern, zog sie zu tüchtigen, braven Menschen auf und als nach vielen Jahren wieder einmal ein Schneesturm brauste, nahm dieser die Seele des Mannes mit und führte sie seiner „Yuki-onna“ zu.

Die Leute aber sagten, als sie ihn am andern Morgen tot fanden, er sei erfroren.

Kitsune - Die weisse Füchsin

Vor vielen Jahren jagte einmal im Walde von Shimoda der Sohn eines Fürsten. Er hatte das seltene Glück einen schneeweißen Fuchs weiblichen Geschlechts zu fangen. Er wollte das Tier töten, aber Yasuna, der Sohn eines Tempelaufsehers, der sich an der Jagd beteiligte, bat es ihm zu schenken, weil er wusste, dass solche Füchse mit weißem Fell Zauberkräfte besitzen, mehrere tausend Jahre alt werden und sich in jede beliebige Gestalt verwandeln können. Aber der Sohn des Fürsten wollte das schöne Fell des Tieres für sich haben, schlug Yasuna die Bitte ab und befahl seinen Leuten die Füchsin zu töten. Yasuna aber bemächtigte sich dieser mit Gewalt, indem er mit den Jägern kämpfte und obgleich aus vielen Wunden blutend, konnte er doch mit dem Tiere flüchten.

Nachdem er eine Weile gelaufen war, brach er erschöpft zusammen; er musste die Füchsin loslassen, die schnell im Walde verschwand. Seltsamerweise kam plötzlich seine Verlobte Kuzunoha daher, die, als sie seine Wunden sah, sie ihm verband und ihn nach Hause geleitete. Yasuna war erstaunt seine Verlobte bei sich zu sehen, die er bei ihren Eltern, die in der Kumamoto-Provinz, weit entfernt von Shimoda, wohnten, vermutete, und fragte daher, wie es komme, daß sie sich jetzt hier befinde und ihn im Walde gefunden habe. Kuzunoha aber antwortete: „Frage mich jetzt nicht, noch ist es nicht Zeit, dir dies zu erklären. Ist es an der Zeit, so wirst du alles erfahren!“ Damit beruhigte sich Yasuna, der glücklich war, seine Braut bei sich zu haben. Er zögerte nicht lange, sondern machte einige Tage darauf mit ihr Hochzeit. Einige Jahre lebten beide glücklich und zufrieden und ein herziger Knabe, den Kuzunoha ihm geschenkt hatte, verschönte ihr Glück. Diesem Knaben hatten sie den Namen Dokyo – das bedeutet „Mut“ – gegeben.

Eines Tages war Yasuna im Walde gewesen und kehrte erst spät abends zurück. Als er vor seinem Hause ankam, war er nicht wenig überrascht, vor der Tür seine Schwiegereltern mit seiner Frau stehen zu sehen, die sich lebhaft unterhielten; er trat näher, begrüßte sie und fragte, warum sie nicht in das Haus gingen, sondern vor der Tür ständen. Sein Schwiegervater aber fuhr ihn zornig an, was das heißen solle, dass er sich die ganzen Jahre lang nicht um seine Braut bekümmert habe und jetzt mit einem andern Weibe zusammenlebe. Yasuna wusste nicht, was er zu solcher Rede sagen sollte und war noch mehr verwundert, als auch seine Braut ihm die gleichen Vorwürfe machte. Er öffnete kurzer Hand die Tür des Hauses und lud alle ein einzutreten. „Wir können uns da drinnen weiter darüber unterhalten, was eure Vorwürfe bedeuten sollen; hier auf der Straße ist nicht der Ort dazu!“ sagte er und wollte vorangehen, prallte aber zurück, denn im Zimmer saß seine Frau und nähte! Hier draußen stand aber auch seine Frau; die aber behauptete, noch nicht seine Frau zu sein, sondern nur seine Verlobte! Wer war die richtige, wer die falsche Kuzunoha? Er schloss nun ganz lautlos die Tür, trat zurück und sagte zu seinen Schwiegereltern: „Wartet hier einen Augenblick, ich komme gleich zurück!“ Dann trat er in sein Haus, begrüßte seine Frau und sagte ihr: „Deine Eltern sind angekommen, rüste dich, sie zu empfangen! In einer Stunde sind wir wieder hier!“ Nachdem die Frau zugesagt hatte, alles aufs beste zu besorgen, ging Yasuna zu den Schwiegereltern zurück und bat sie mit ihm einen Spaziergang zu machen, nach einer Stunde würde er sie in sein Haus führen.

Auf dem Wege erzählten ihm die Schwiegereltern, dass das bei ihnen befindliche Mädchen tatsächlich ihre Tochter Kuzunoha, seine Braut sei und dass diese untröstlich darüber, dass Yasuna in der langen Zeit nichts habe von sich hören lassen, ihre Eltern veranlasst habe, die weite Reise mit ihr zu machen. Jetzt angekommen, müssten sie zu ihrer großen Betrübnis sehen, dass bereits eine andere Frau im Hause sei! Yasuna erzählte sein Abenteuer und seine glückliche Ehe. Unter diesem Gespräch war die Stunde vergangen, alle kehrten zurück und gingen ins Haus; aber es war keine Frau zu sehen, nur das Kind lag auf seinem Lager und weinte, jubelte aber der Kuzunoha zu, die den Knaben auf den Arm nahm und mit ihm scherzte. Dann erzählte der Knabe ihr einen sonderbaren Traum, den er gehabt habe und fragte, was er bedeute. Er sagte zur Kuzunoha: „Vorhin, als ich schlief, sagtest du zu mir, dass du gar kein Mensch, sondern eine verzauberte Füchsin seiest. Der Vater habe dir einmal das Leben gerettet und deshalb habest du menschliche Gestalt angenommen und seist ihm in Gestalt seiner Braut erschienen, um ihm zu danken. Jetzt sei aber die wirkliche Braut gekommen und so müssest du scheiden. Ich solle dies dem Vater erzählen und ich soll brav und gut werden und bleiben. Ein dummer Traum, nicht wahr!“ Alle sahen sich erstaunt an, war doch jetzt das Rätsel geklärt. Die wirkliche Kuzunoha blieb nun im Hause als rechtmäßige Gattin Yasunas und erzog den kleinen Dokyo zu einem tüchtigen Menschen, der klug und tapfer wurde. Von der weißen Füchsin hat man nie wieder etwas gehört. 

Momotarō - Der Pfirsichjunge

Vor langen, langen Jahren lebte in einem Dorfe ein altes Ehepaar. Trotz ihrer Armuth hätten die beiden alten Leute recht zufrieden leben können, wenn sie nur Kinder gehabt hätten. Aber die fehlten ihnen, und so sehr sie sich dieselben auch Zeit ihres Lebens gewünscht hatten, so war ihnen doch dieser Wunsch versagt geblieben. So verbrachten sie ihre Tage einsam und allein und grämten sich oft so sehr, daß selbst die Nachbarn ihren Kummer teilten, sich mit ihnen betrübten und sie nach Kräften zu trösten suchten.
Da begab es sich eines Tages, daß das alte Mütterchen aus der Hütte heraustrat und zum Flusse hinabging. Die Sonne schien hell, und der breite Strom trieb das klare Wasser rauschend über die Steine daher. Mütterchen hatte ein Bündel schmutziger Kleider mitgebracht, das sie nun löste, und emsig ging sie an das Waschen der Kleider. Sie war ganz vertieft in ihre Arbeit und achtete auf nichts weiter, als plötzlich auf dem Wasser ein großer schöner Pfirsich gerade auf sie zugeschwommen kam. Freudig griff sie danach; ach, selten gab es wohl eine so herrliche, schöne und reife Frucht wie diese. Sie war dick und rund und strahlte rosig in der Sonne. Nun denkt ihr wohl, das alte Mütterchen hätte sogleich den schönen Pfirsich gegessen? Nein, das tat sie nicht, sie legte ihn beiseite und dachte sogleich an ihren guten alten Mann zu Hause; der sollte auch davon etwas bekommen! Und als die Arbeit beendet war, ging sie heim und gab dem alten Manne den Pfirsich; der freute sich nicht wenig über den schönen Fund, holte ein Messer und schnitt die Frucht vorsichtig in zwei gleiche Teile. Und was geschah nun? Zu dem größten Erstaunen der beiden Alten sprang ein wunderhübsches, munteres Knäblein daraus hervor. Und das war eine Freude, so groß, das sie nicht zu beschreiben ist. Nun hatten die alten einsamen Leute plötzlich einen Sohn, den sie sich so lange gewünscht hatten, und sie dankten den Göttern inbrünstig für die unverhoffte Gnade. Zur Erinnerung an seine wunderbare Auffindung nannten sie ihn Momotarō, das heißt Pfirsichjunge. Sorgfältig zogen sie ihn auf, und er ward ein schöner Jüngling, begabt mit allen Tugenden eines guten Menschen, die Stütze und der Stab ihres Alters. Momotarō liebte seine guten Eltern ebenso sehr, als diese ihn liebten, und war ihnen so dankbar, daß er Tag und Nacht daran dachte, ihnen all ihre Liebe und Aufopferung zu vergelten, sie recht glücklich zu machen und vor allen Dingen ihre ärmlichen Verhältnisse in bessere zu verwandeln. Er grübelte fortwährend darüber, wie er es wohl anfangen sollte, Reichtümer für seine Eltern zu erwerben, und nahm sich vor, eine Wallfahrt nach berühmten Tempeln anzutreten, um sich dort Rat zu erholen. Doch bevor er noch diesen Entschluß ausführte, hatte er einen so lebhaften Traum, daß er sich nur danach zu richten beschloß und alle anderen Pläne aufgab.
Nahe bei seinem Wohnorte nämlich lag eine Insel im Meere, welche niemand betrat, denn dieselbe war ausschließlich von bösen Geistern bewohnt. In Japan heißen solche bösen Geister Oni, weshalb auch diese gefürchtete Insel Onigashima, Insel der bösen Geister, genannt wurde. Nun ging die Sage, daß die Oni, welche dort hausten, in ihren Höhlen ungeheure Schätze aufgehäuft hätten, die sie streng bewachten, und der Geist, dem die Wache hauptsächlich oblag, hieß Monban. Momotarō hatte nun geträumt, er sei nach dieser Insel gefahren, hätte alle die bösen Geister besiegt und ihre Schätze erobert. Was aber die Hauptsache war und ihn vornehmlich in der Absicht bestärkte, die Fahrt nach Onigashima zu wagen, war der Götter Gunst, die ihm im Traume bei seinem Unternehmen zuteil ward; denn in Gestalt von allerlei Tieren halfen ihm die Götter glücklich alle Gefahren zu bestehen und den Sieg zu gewinnen.
Das erste, was Momotarō nun tat, war, daß er sich in der Kunst übte, Waffen zu führen und besonders eine schwere Keule zu schwingen, und als er dies verstand, ging er zu seinen Eltern und sagte ihnen, was er zu tun beschlossen hätte. Ganz bestürzt hörten sie ihn an und waren tief betrübt, daß sie ihren lieben Jungen verlieren sollten; sie baten ihn, doch ja sein Vorhaben aufzugeben und weinten, wenn sie daran dachten, wie furchtbar die Gefahren wären, denen er entgegen ginge. Als aber Momotarō dennoch darauf bestand, sein Abenteuer zu wagen, als er ihnen vorstellte, der Traum habe ihm ja der Götter Gunst und Hilfe zugesagt, da dachten sie an den schönen Tag, wo er ihnen aus dem Pfirsich entgegengesprungen war, und gaben ihre Einwilligung; die Götter, das war ihr Trost, würden dem Sohne, welchen sie ihnen auf so wunderbare Weise geschenkt hatten, auch ihren Schutz nicht versagen.
Momotarō rüstete sich also zum Abschiede, und seine Eltern bereiteten eine Menge köstlicher Klöße aus Hirse, die sie ihm auf seine Reise mitgaben, damit er seinen Hunger stillen könnte. Und als nun alles in Bereitschaft war, sagte der gute Sohn seinen Eltern Lebewohl und ging von dannen.
Wohlgemut zog er seines Weges dahin, als ihm ein Hund entgegenlief. Zutraulich wedelte dieser mit dem Schwanze und sprang bellend an Momotarō in die Höhe, als er sah, daß derselbe sich seines Anblicks freute. »Laß mich mit dir ziehen,« sprach der Hund, »ich will dir nützlich sein auf deiner Reise und dir treu dienen, wenn du mir etliche von deinen schönen Klößen abgeben willst.« Momotarō erfüllte diesen Wunsch sofort; er gab ihm einige Klöße und ließ ihn neben sich herlaufen. Nicht lange waren sie zusammen gewandert, so begegnete ihnen ein Affe, der sie freundlich grüßte und Momotarō fragte, wohin er mit all seinen vielen Waffen reisen wolle. Dieser erwiderte, daß er gegen die Insel der bösen Geister ausziehen und ihre Schätze erobern wolle, um sie seinen Eltern als Lohn für alle Wohltaten zu bringen. »Dann will ich mit dir ziehen und dir helfen,« sagte der Affe, »du wirst mir gewiß dafür auch gern etwas von deinen schönen Klößen schenken, nicht wahr?« – »Gewiß, die sollst du haben,« entgegnete Momotarō und gab ihm sofort in voller Freude eine große Portion, und als der Affe sie aß, schmeckten sie ihm so gut, daß er seinen Freund, den Fasan herbeirief, der davon kosten mußte. Der Fasan, der ganz in der Nähe war, flog herbei und labte sich an der köstlichen Speise, und als er hörte, wohin die Reise gehe, bat er Momotarō, auch ihn mit zu nehmen; er wolle vereint mit seinem Freunde, dem Affen, und mit dem Hunde ihm beistehen, die schreckliche Insel zu erobern. Momotarō war es zufrieden, und so zogen sie alle vier getrost und muthig dem Strand entgegen. Als sie denselben erreicht hatten, war freilich ein Boot vorhanden, das sie hinüber zur Insel bringen konnte, aber es lag weit im tiefen Wasser und war an einen Pfahl gebunden. Was war zu tun? Momotarō sann vergebens, wie er sich helfen sollte. Da aber wußte der Affe Rat; er sagte dem Hunde: »Du kannst ja schwimmen! Also rasch, begib dich ins Wasser; ich springe auf deinen Rücken, du trägst mich zu dem Kahne und wir holen ihn zusammen hierher ans Ufer«. Gesagt, getan; der Hund trug den Affen auf seinem Rücken durch das Wasser zum Kahne hin, der Affe löste das Tau und gab es dem Hunde ins Maul, freudig und stolz schwamm der Hund zurück ans Ufer und brachte so den Kahn ans Land. Nun stiegen sie alle außer dem Fasanen ein; dieser aber flog voran zu der Insel hinüber, um einen guten und sicheren Platz auszukundschaften, wo sie unbemerkt landen könnten. Die bösen Geister durften sie nicht sehen und vor allen Dingen den Kahn nicht; denn wie hätten sie ohne diesen, wenn sie die Schätze eroberten, dieselben fortschaffen wollen? Momotarō lobte den Fasan für seine Vorsicht und ließ ihn vorauf fliegen, und Dank seiner umsichtigen Führung konnten sie nicht allein ungesehen und gefahrlos landen, sondern der Fasan brachte sie auch gleich zum Eingange der großen Höhle, die er bald ausgekundschaftet hatte.
Momotarō schlug mit seiner Keule gegen die eiserne Pforte der Höhle, aber keine Antwort erfolgte. Ungeduldig und zornig zerschmetterte er die Tür und trat ein. Aber wie staunte er über den Anblick! Er hatte erwartet, an einen finstern, grausigen Ort zu gelangen, und nun fand er das Gegenteil; es war ein prächtiger, heller und glitzernder Palast, in den er eintrat. Hier sollte das Oberhaupt der bösen Geister hausen? Momotarō war ganz verwirrt, doch seine Begleiter ließen sich nicht irre machen und brachten auch ihn bald wieder zur Besinnung. Der Fasan flog abermals voraus, weit in den Palast hinein, der Affe kletterte auf das Dach, der Hund kroch unter den Fußboden, um zu sehen, wo wohl die Schätze versteckt wären, und während er dies glücklich herausfand, waren Affe und Fasan auch nicht müßig, und alle drei kehrten bald zu ihrem harrenden Herren mit guter Botschaft zurück. Momotarō, von allem unterrichtet, schritt geraden Weges auf das Zimmer des Oberhauptes der bösen Geister los, und da unzählige kleine Kobolde ihn hindern wollten, schlug er so kräftig um sich und bläuete sie so wacker durch, daß sie schleunigst die Flucht ergriffen. Nun brach Momotarō ohne Zögern in das Gemach des obersten bösen Geistes ein, und der gräuliche Oni wurde sehr zornig, als er seiner ansichtig ward. Er rief seine Dienerschar und befahl ihr, ihm zu helfen; doch es ließ sich niemand sehen, und Momotarō schlug kräftig auf ihn ein. Der Affe aber, der wohl einsah, daß der große Geist stärker war, als Momotarō, sprang ihm flugs auf den Rücken und hielt ihm die Augen zu, so daß er seinen Gegner nicht sehen konnte, und der Hund war auch nicht faul, sondern biß den bösen Oni tüchtig in die Beine, während der Fasan draußen die anderen Geister fern hielt und jedem, der sich in die Nähe wagte, die Augen auspickte. So geschah es, daß der arg bedrängte große Oni gar bald um sein Leben bat. Momotarō versprach, dasselbe zu schonen, wenn er ihm alle kostbaren Schätze der ganzen Insel geben wolle. Das versprach der böse Geist denn auch und gab sie in der Tat sofort heraus. Die Diener, obgleich vom Fasan des Augenlichts beraubt, mußten sie alle in den Kahn schleppen, und als sie damit fertig waren, schiffte sich der junge Held mit seinen drei Gefährten vergnügt und froh ein.
Die Reise verlief glücklich, und als sie anlangten, da war die Freude der Eltern Momotarōs über die Maßen groß, am größten darüber, daß sie ihren geliebten Sohn glücklich und gesund wiedersahen. Doch waren sie auch sehr zufrieden damit, daß er so reiche und kostbare Schätze von der Insel der bösen Geister mitgebracht hatte. Da war Gold und Silber in Fülle, köstliches Gestein und Gewand, auch zauberhafte Schätze, ein Mantel und ein Hut, die jeden, der sie trug, unsichtbar machten, und noch viel andere wunderbare und seltene Dinge. Nun konnten sie alle ohne Sorge leben, und Momotarōs Ruhm zog durch die ganze Welt.
Auch eine wunderschöne Prinzessin, die in einem großen, herrlichen Garten wohnte, hörte von ihm, aber da Momotarō sie nicht kannte, so konnte er auch nicht wissen, wie sehnlich sie sich ihn zum Gemahle wünschte. Der Fasan aber, der weit im Lande herumflog, kannte sie und erriet sehr bald ihre Wünsche, von denen er Momotarō erzählte, und dieser war so glücklich über die Nachricht, daß er sogleich seine Mutter zu der Prinzessin sandte und um ihre Hand bitten ließ. Die Prinzessin war voller Freude über die Botschaft und zögerte nicht einen Augenblick, einen so schönen, tapferen Mann, wie Momotarō es war, zum Gemahle zu nehmen.
Dem alten, guten Ehepaar blieb nun nichts mehr zu wünschen übrig, und so verlebten sie alle miteinander noch lange, glückliche Tage. Momotarō aber hielt den Hund, den Affen und den Fasan hoch in Ehren und behielt sie zu Freunden bis an sein Lebensende.

Inochi no rōzoku - Die Lebenskerze

In einem Dorfe lebten einmal zwei Brüder, die waren am selben Tage geboren. Und in Eintracht lebten sie, ihre Gedanken waren stets die gleichen, alle Arbeit taten sie zusammen, und es gab nie Zwietracht oder Streit. Die Nachbarn meinten, ein so zufriedenes Brüderpaar würde sicherlich auch einmal gemeisam diese Welt verlassen, niemand konnte sich vorstellen, daß nur einer von ihnen zurückbleiben und weiterleben möchte.
Bei ihrer Geburt hatte man diesen Zwilling natürlich Namen gegeben, aber keiner erinnerte sich an die. Der ältere Zwilling sagte zum jüngeren „Oi“, also „Du“, und der wiederum rief den älternen Bruder „Yai“, das bedeutet „He“. Damit kamen sie sehr gut zurecht, sie hielten ihr Haus reinlich, bestellten ihre Felder und waren für jeden ein schönes Beispiel vollkommener Geschwisterliebe.

Nun geschah es eines Tages, daß Yai sehr krank wurde. Er konnte sein Lager nicht mehr verlassen, der jüngere Bruder pflegte ihn liebevoll, aber alle Mühe wollte vergebens scheinen. Yai sank in tiefe Bewußtlosigkeit, sein Körper glühte im Fieber, und Oi mußte sehen, wie sein Bruder sich anschickte, in die andere Welt abzureisen. Die tiefste Verzweiflung ergriff ihn, denn er konnte sich ein Leben ohne seinen guten Yai nicht vorstellen. Alle Arznei wollte nicht anschlagen, die herzlichste Pflege konnte nichts ausrichten, und endlich vermochten nur noch die Götter helfen. Oi warf sich auf sein Angesicht und preßte unter Weinen und Klagen hervor: „O ihr Götter im Himmel, so helft doch dem Bruder. Was soll mir das Dasein ohne meinen Yai? Ich will alles für ihn tun, habt doch ein Einsehen und schickt uns Hilfe!“

Oi verharrte lange Zeit im Gebet, in Yai zeigte sich keinerlei Veränderung, aber da erglänzte auf einmal die Kammer in silberner Helle. Oi schaute verwirrt auf und sah, wie vor ihm auf einer Wolke ein Gott schwebte. Der war angetan in weiße Gewänder, sein Haupthaar war zu Zöpfen gebunden, ja, er sah gerade so aus, wie uns die Alten die Himmlischen, als sie noch auf Erden wandelten, beschrieben haben.

Der Gott sprach, und seine Stimme hallte durch den Raum: „Ich habe dein Gebet gehört, und ich werde dir gerne raten. Nur du selber kannst dem Bruder helfen, das ist aber nicht leicht. Du mußt in den Himmel hinaufsteigen, den Saal mit den Lebenskerzen aufsuchen und Yais Licht, das umgefallen ist, wieder aufstellen. Der Zugang zu diesem Saal wird von schrecklichen Dämonen bewacht. Bist du bereit zu so einem Abenteuer?“ – „Ach Herr, wenn der Bruder wieder gesund wird, will ich gerne alles tun, mir ist nichts zuviel.“ – „Gut, dann schicke ich dir die Himmelsleiter!“

Mit diesen Worten verwehte die himmlische Erscheinung, und in der Kammer war es wieder dunkel. Oi rannte vors Haus, der Gott war nirgends zu erblicken. Aber etwas anderes fiel ihm auf: Aus dem Himmel heraus wuchs ein dunkler Punkt, wurde größer, er kam näher, und endlich konnte Oi sehen, daß es eine lange, lange Leiter war. Diese Leiter senkte sich herab bis zu seinen Füßen. „Da muß ich wohl hinauf“, dachte er, zögerte keinen Augenblick und erklomm die ersten Sprossen. Er kletterte und kletterte, immer geschwinder stieg er hoch. Einmal hielt er an und schaute nach unten. Die Häuser und Felder waren alle ganz klein geworden, Schwindel erfaßte Oi, und es wollte ihm dunkel vor den Augen werden. Aber er gab sich einen Ruck, „es ist für Yai, für meinen Yai“, und er hastete, so schnell er nur konnte, die unendlich lange Leiter weiter hoch. Es ging durch Wolken, der Wind heulte um ihn her, die Leiter schwankte, er ließ sich jedoch nicht erschrecken und stieg mit zusammengebissenen Zähnen nach oben.

Nach einiger Zeit wehte ihm eine besonders dicke Wolke in den Weg, und als er sie durchquert hatte, war endlich die Leiter zu Ende, er hatte den Himmel erreicht und stand in einem großen, roten Gemach. „Wo ist der Saal mit den Kerzen, von denen der Gott geredet hat, wo ist die Tür dorthin?“ Oi schaute sich gehetzt um, und er konnte das Portal schnell entdecken. Aber ein scheußlicher roter Dämon mit einer riesigen Keule in seiner Faust hielt Wache davor. Wie sollte da wohl ein Menschlein unbemerkt durchkommen können?

Oi drückte sich hastig in eine Ecke, und von dort aus beobachtete er den grimmigen Wächter ganz genau. Er hörte, daß ein lautes Brausen durch den Saal rauschte, und nach kurzer Zeit wurde er gewahr, daß die Augen des Dämonen fest geschlossen waren. Er schlief, und das Brausen war sein Schnarchen. „Da gibt es wohl Hoffnung“, langsam näherte sich Oi dem Türsteher, er erreichte das Portal, und dieses ließ sich öffnen. Vorsichtig, vorsichtig, der Junge stimmte das Quietschen des Türflügels auf das Schnarchen des Dämons ab, zog er die Tür einen Spalt auf und schlüpfte durch.

„Geschafft!“ Schwer atmend lehnte sich Oi an die Pforte, er schaute sich um und merkte, daß er nun in einen blauen Saal gekommen war. Auch der hatte ein hohes Portal, das in einen anderen Raum führte, und davor stand diesmal ein blauer Dämon. Dieser hatte die Augen offen und glotzte grimmig und drohend vor sich hin. Auch hier erfüllte ein Brausen die Luft. Oi stand zuerst wie angewurzelt. Wie sollte er wohl an dem fürchterlichen Wächter vorbeifinden? Wieder beobachtete er das Hindernis, das ihm den Weg in den Saal der Lebenskerzen verwehren wollte, ganz genau. Und er bemerkte bald, daß die Augen des Dämonen zwar offenstanden, sich aber überhaupt nicht bewegten. „Ob der auch schläft?“ Oi schlich sich näher, der Dämon rührte sich nicht, er schlief mit offenen Augen. Da nahm das Menschlein seinen ganzen Mut zusammen, ging leise und langsam voran, zwischen den Beinen des Blauen durch, öffnete sachte das Portal und glitt hinüber in den nächsten Raum. Und diesmal war Oi wahrhaftig im Saal der Lebenskerzen angelangt. Unendlich standen die Reihen der aufgestellten Lichter! Sie flackerten, brannten ruhig, verloschen, neue entflammten, es war ein Meer von Lichtern!

„Wie kann ich Yais Licht finden? Das ist ja unmöglich!“ Oi rannte die Reihen ab, auf jeder Kerze war der Name des Besitzers verzeichnet, aber den des Bruders konnte er nicht finden. Gerade eben stand ein Kerzenstümpfchen vor ihm, das flackerte müde. „Ob das Yais Kerze ist?“ Und das Licht verlosch. Ein anderer Name war daran geschrieben. Oi schrie auf: „Was mach ich nur, wo ist des Bruders Licht?“ Und er jagte weiter.

Da erscholl von oben her eine Stimme: „Jetzt stehst du davor, beeile dich!“ Der Junge verhielt den Schritt, ja, nun sah er es. Vor ihm war eine Kerze, noch schön lang und dick, aber sie war umgefallen. Und Yais Name stand darauf. Zitternd wollte er nach der Kerze greifen, da erscholl abermals die Stimme: „Mit diesen Händen gelingt das nicht, werde zuerst ruhig!“ Oi blickte auf seine Hände, sie flatterten vor Aufregung. Er wußte sich nicht mehr zu helfen und brach in Weinen aus. Und die Stimme warnte ihn: „Sei vorsichtig, mit deinen Tränen wirst du die Flamme auslöschen!“

Oi raffte sich zusammen, er unterdrückte die Tränen, befahl mit seiner ganzen Willenskraft den Händen Ruhe und Sicherheit, er faßte die Kerze und stellte sie auf. Sie flackerte ein paarmal, die Flamme wurde größer, sie zuckte und verlosch. Nur der Docht glimmte noch. Oi sah fassungslos auf das Glimmen, und im gleichen Augenblick flammte die Kerze mit leisem Zischen wieder auf, sie brannte ruhig und sicher. „Ach Yai!“ flüsterte er und sank nieder. Die Aufregung und Freude waren zuviel für ihn geworden.

Nach einiger Zeit kam er wieder zu sich. Er lag daheim in seiner Kammer, und neben ihm ruhte Yai und atmete ruhig. Bald schlug der Bruder die Augen auf, er drehte sich eine wenig auf seinem Lager und sagte ganz vergnügt: „Was habe ich gut geschlafen, ich fühle mich ganz wohl.“

Oi sah, wie es dem lieben Bruder deutlich besser ging und wie langsam die Farbe in sein Gesicht zurückkehrte. Nur mit Mühe konnte er ihn davon abhalten, sofort aus dem Bett zu springen. „Ist recht, Kleiner, aber höre, ich habe Hunger wie ein Bär, was gibt es denn heute Gutes?“ Als Oi diese Worte hörte, wußte er, daß Yai gerettet war. Er rannte in die Küche und bereitete ihm geschwind allerhand Leckerbissen zu.

Oi vergaß den schuldigen Dank an den Himmel nicht, und die beiden Brüder lebten fortan noch lange einträchtig und zufrieden miteinander.

Kommentare

Keine Antwort

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.